Chara zwischen Kodar und Udokan: zwei Orte, eine Landschaft
Reisebericht über Chara in Transbaikalien: Chara-Sande, Taiga, BAM, die Gebirge Kodar und Udokan sowie Alt-Chara und Neu-Chara. Natur, Geschichte, rauer Charme.
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Ein Tal, in dem Natur und Geschichte im Gleichschritt zu gehen scheinen. Der Name Chara wird unterschiedlich gedeutet, und jede Version fängt auf ihre Weise die Stimmung des Ortes ein – schön, herb, bisweilen verstörend. Am nördlichen Rand Transbaikaliens liegt das Charabecken, aufgespannt zwischen dem Udokan- und dem Kodar-Gebirge. Hier quert die Baikal-Amur-Magistrale die Oberläufe des Chara, eines der größten Nebenflüsse der Oljokma.
Diese Landschaft sticht seit jeher auf der Karte hervor. Sie birgt seltene Hochgebirgsszenerien, Spuren einer harten Vergangenheit und zwei Siedlungen, die denselben Namen tragen – Alt-Chara und Neu-Chara.
Udokan und Kodar: zwei Gebirge, zwei Temperamente
Beide Massive gehören zum Stanowoi-Hochland, und doch könnten sie kaum unterschiedlicher sein. Udokan wirkt wie eine riesige, flache Truhe voller Erze und Mineralien. Straßen schneiden ihn, und seine Reichtümer ziehen Arbeiter aus allen Landesteilen an. Der Kodar ist das Gegenstück: ein erstarrtes Lodern aus Fels, abrupt und zerklüftet, mit senkrechten Wänden und ohne Vorberge. Unter Reisenden hat er den Ruf, die Chita-Alpen zu sein, gelegentlich fällt sogar der Vergleich mit den Sibirischen Himalaya – so gnadenlos werden seine Hänge, wenn Frostwinde ansetzen.
Das wichtigste Tor in diese Welt ist das Tal des Mittleren Sakukan, wo Ende der 1940er-Jahre Häftlinge des Borlag eine Straße erzwangen, um Uranerz herauszuschaffen. Heute beginnt hier so mancher Trek; und die Chara-Sande fühlen sich an wie die Wurzeln dieses Tals.
Warum es zwei Chara gibt
Zuerst entstand Alt-Chara. 1932 war es ein Handelsposten der Ewenken und wuchs später zum Bezirkszentrum heran. Ein Flugplatz hielt die Verbindung zur großen Welt – er ist bis heute in Betrieb. Als es Zeit wurde, einen Bahnhof für die Baikal-Amur-Magistrale zu bauen, lag der praktischere Standort am gegenüberliegenden Ufer. Wenige Kilometer weiter entstand Neu-Chara und wurde rasch das wirtschaftliche Herz.
Beide Orte haben an Bevölkerung eingebüßt, doch der Abstand blieb: Neu-Chara ist dreimal so groß. Zwischen beiden pendeln PAZ-Busse im Zweistundentakt, und eine Taxifahrt kostet in etwa, was man auch in einer Großstadt zahlt – nach lokalen Maßstäben fast geschenkt.
Alt-Chara: ein Hauch Mongolei in Transbaikalien
Sonnig und sandig, mit hohen Holzhäusern und breiten Zäunen – so zeigt sich Alt-Chara. Die Straßen folgen einem ruhigen, ländlichen Takt, während die Häuser an kleine mongolische Kreiszentren erinnern: klare Linien, weite Höfe, viel offener Raum.
Ältere Bauten lassen vermuten, dass die Siedlung lange vor der BAM existierte. Sie zieht sich rund drei Kilometer an der Straße entlang – vom Flugfeld bis zur Abzweigung in Richtung Kodar. An einem kleinen See liegt der Weiler Lyabich, ein stilles Eck am Rand der Welt, wo bellende Hunde jeden Fremden melden. Das Dorf weckt Assoziationen an nördliche Fischersiedlungen – schlichte Häuser, Rauch über den Schornsteinen, Wasser auf Schritt und Tritt.
Die Chara-Sümpfe: Taiga ohne Ende
Der Boden des Charabeckens ist eine Kette aus Mooren und Seen. Dieses Relief gibt der ganzen Region ihren Charakter: nass, schwer zu durchqueren und seltsam anziehend. Von hier nimmt der Weg in den Kodar seinen Anfang – zu Gipfeln, die nur erfahrene Berggänger versuchen. Selbst wer im Tal bleibt, spürt eine besondere Energie. Die Natur lässt einen hier nicht vergessen, wie zerbrechlich der Mensch ist.
Neu-Chara: ein Knoten auf der großen Karte
Neu-Chara entstand für die BAM und war lange die einwohnerstärkste Siedlung des Bezirks. Hier funktionieren Depots, Dienste und Läden; Geologen, Bauleute, Reisende und Saisonkräfte gehen ein und aus. Die Bezirksverwaltung hielt bis vor Kurzem an Alt-Chara fest, doch sie zieht Schritt für Schritt um – und es zeichnet sich bereits ab, welcher Ort künftig vorangeht.
Ein Ort, zu dem man zurückkehrt
Chara lockt niemanden, der in erster Linie Bequemlichkeit sucht. Hierher fährt man mit einem Ziel: sich selbst prüfen, ungewohnte Landschaften aufnehmen, Pfaden folgen, auf denen der Atem der Taiga spürbar bleibt. Die Einheimischen bleiben aus Gründen, die sich schwer in Zahlen fassen lassen – Gewohnheit, eine innere Bindung an das Land, ein Gefühl von Zuhause, das offenbar nur in solcher Abgeschiedenheit entsteht.