19:51 10-12-2025
Bahnhof Georgenswalde: Restaurierung zum Boutique-Hotel
Generated by DALL·E
Vom Ruinenstatus zum Boutique-Hotel: Die Restaurierung des Bahnhofs Georgenswalde in Kaliningrad schreitet voran – mit Freiwilligen, Detailtreue und Vision.
Einst empfing der Bahnhof Georgenswalde an der Ostseeküste wohlhabende Urlauber aus Königsberg. Seine roten Ziegelwände, das hohe Mansarddach und neobarocke Zierformen verliehen ihm den Charakter eines Strandpalais. In den 2010er Jahren jedoch war er zur gefährlichen Ruine verkommen – von Bränden geschwärzt, von Vandalismus gezeichnet, der Hof überwuchert, die Fenster eingeschlagen. Ein Bild, das kaum mit der einstigen Eleganz zusammenpasste.
Nur wenige glaubten, dass dieses Denkmal je wieder erwachen würde. Dann blickte eine Familie durch die Trümmer hindurch und erkannte eine Chance – was zunächst nach Wunschdenken klang.
Vom Kurort-Glanz zu Jahrzehnten der Vernachlässigung
Der Bahnhof entstand 1912–1913 nach einem Entwurf von Max Schönwald und wurde rasch zu einem der markantesten Wahrzeichen der Kurregion. Seine Architektur verband Klassizismus, Jugendstil und Neobarock – eine mutige Mischung für das frühe 20. Jahrhundert.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude weiter genutzt, doch sein ursprüngliches Erscheinungsbild verfiel zusehends. In den 1990er Jahren erfüllte es seinen Zweck nur noch kaum, später wurde es zu Wohnraum umgebaut. 2016 stand es leer, hatte mehrere Brände überstanden und war kurz davor, unwiederbringlich verloren zu gehen.
Mehrmals im Jahr kamen freiwillige Helfer, um den Verfall zu bremsen: Sie räumten Müll weg, schnitten Gestrüpp zurück, flickten Löcher. Ohne Eigentümer wirkte es jedoch wie ein Kampf gegen das Unvermeidliche – eher Schadensbegrenzung als Rettung.
Sie sahen nicht Ruinen, sondern eine Zukunft
Die Wiederbelebung begann mit einem anderen Haus. Unternehmer Oleg Barmin und seine Frau Ksenia kauften ein altes Pfarrhaus im nahegelegenen Ort Zalivnoje. Es war in beklagenswertem Zustand – feuchter Keller, eingestürztes Dach, ein Grundstück, das das Unkraut verschlungen hatte. Eine Zeit lang schlief die Familie in einem Zelt im Inneren des Gebäudes.
Sie brachten es zu dem Erscheinungsbild zurück, das sich die Architekten vor einem Jahrhundert vorgestellt hatten: reinigten die Wände, erweckten die Türen zu neuem Leben, ließen Holzfenster anfertigen und deckten das Dach mit Ziegeln. Die Sanierung verschlang ihr gesamtes Erspartes und noch einmal so viel, doch das Ergebnis beflügelte sie.
Barmin erinnerte sich, dass Freunde ihre Entscheidung nicht verstanden; sie sahen den Verfall, während er und seine Frau die Zukunft vor Augen hatten. Der Erfolg dieser ersten Restaurierung wurde zum Sprungbrett für ein deutlich größeres Vorhaben. Solche Wendepunkte entstehen selten am Reißbrett.
Ein kühner Schritt: den ganzen Bahnhof kaufen
2022 kam der Bahnhof Georgenswalde mit einem Ausrufpreis von 10 Millionen Rubel zur Auktion. Für ein Denkmal war das eine überschaubare Summe – hinter der sich jedoch Zusatzkosten in zweistelliger Millionenhöhe verbargen. Barmin ging das Risiko ein und kaufte ihn.
In sozialen Netzwerken erklärte er, er hoffe, das Gebäude werde zum Grand Hotel Vokzal werden – mit einer Atmosphäre, die an The Grand Budapest Hotel erinnere. Das klingt ambitioniert und setzt zugleich eine klare Marke.
Unmittelbar nach dem Kauf organisierten die Familie und Freiwillige der Gruppe „Hüter der Ruinen“ eine gründliche Räumung: Sie schafften Trümmer hinaus, säuberten das Gelände und sicherten gefährliche Bereiche. Danach folgten die Konservierung und die Vorbereitung des Restaurierungsprojekts – erst dann konnte aus Aufräumen echte Restaurierung werden.
So sieht die Restaurierung derzeit aus
Die Arbeiten kommen Schritt für Schritt voran. In den vergangenen Monaten ist es gelungen:
- die Dokumentation vorzubereiten;
- die Betondecken neu zu errichten und zu gießen;
- mit dem Einbau eines neuen Dachs zu beginnen;
- die benötigten Dachziegel in der ganzen Region zusammenzutragen.
Die Suche nach passenden Ziegeln geriet zu einer kleinen Schau lokaler Unterstützung.
In Sowetsk waren seltene Firstziegel im Angebot. Als Barmin erklärte, er restauriere den Bahnhof, kündigte der Verkäufer überraschend an, sie kostenlos abzugeben. Ähnliche Geschichten, so der Eigentümer, seien keine Ausnahme: Menschen helfen mit Material, Arbeit und Rat. Solche Gesten tragen ein Projekt oft weiter, als Budgets es vermögen.
Was es kostet, ein Wahrzeichen wiederzubeleben
Nach Barmins vorläufiger Schätzung werden für die vollständige Restaurierung mindestens 300 Millionen Rubel benötigt. Darin enthalten sind die Instandsetzung der Fassaden, der technischen Systeme und der Innenräume sowie die Gestaltung der Außenanlagen. Die Summe wirkt einschüchternd, doch das Vorhaben zieht bereits Architekten, Freiwillige und Anwohner an. Für viele fühlt es sich weniger wie eine Sanierung an, sondern eher wie der Versuch, dem Ort sein historisches Gedächtnis zurückzugeben.
Wie es mit dem Bahnhof weitergehen könnte
Wenn der Plan aufgeht, wird aus dem Bahnhof ein Boutique-Hotel mit dem Flair des alten Europa. Restaurierte Innenräume, bewahrte Architektur und zeitgemäßer Komfort könnten ihn zu einem neuen Anziehungspunkt für die Region Kaliningrad machen. Am Ende entscheidet die Ausdauer.