17:20 09-12-2025
Schwarzes Meer: Tote Zone, Schwefelwasserstoff, Risiko
© Ratnikov S.S.
Schwarzes Meer im Fokus: 90 % anoxisch, viel Schwefelwasserstoff. Ursachen der toten Zone, Risiken für Küste und Fischerei, was jetzt schützt. Maßnahmen.
Jeden Sommer fällt die Schwarzmeerküste in ihren vertrauten Ferientakt: Strände füllen sich mit Sonnenhungrigen, auf den Promenaden mischen sich Stimmen, Händler ziehen mit Mais und Süßigkeiten vorbei. Wer am lebhaften Ufer steht, vergisst leicht, was hinter dem Horizont beginnt.
Hinter dieser friedlichen Kulisse verbirgt sich ein System ohne wirkliches Gegenstück in den Weltmeeren. Ein gewaltiger Anteil des Meeres – rund 90 Prozent seines Volumens – ist sauerstofffrei. In den Tiefen, wo Leben nicht möglich ist, sammelt sich Schwefelwasserstoff. Es geht um Mengen in Milliarden Tonnen.
Fachleute beschreiben diese Zone als eine der ungewöhnlichsten und zugleich beunruhigendsten Naturerscheinungen der Region – ein Hinweis darauf, dass Schönheit an der Oberfläche eine erheblich komplexere Wirklichkeit überdecken kann.
Als das Meer ein See war
Vor etwa 7000 Jahren war das Schwarze Meer ein Süßwassersee. Der Pegel lag deutlich niedriger, an seinen Ufern lebten Siedlungen. Dann schmolzen Gletscher, der globale Meeresspiegel stieg. Das Mittelmeer durchbrach eine natürliche Schwelle, und salziges Wasser strömte über den Bosporus in den See.
Der Anstieg verlief rasant – Geologen schätzen bis zu 15 Zentimeter pro Tag. Süßwasserorganismen starben ab und sanken auf den Grund. Ohne Sauerstoff zersetzt, bereiteten sie die Grundlage für die Schwefelwasserstoffzone, die bis heute besteht. Manche Historiker bringen diese dramatische Umwälzung mit der biblischen Fluterzählung in Verbindung.
Zwei Meere in einem
Die Struktur des Schwarzen Meeres ist einzigartig. Die obere Schicht – bis etwa 150 bis 200 Meter Tiefe – ist sauerstoffreich, hier leben Fische, Quallen und Plankton. Darunter beginnt eine andere Welt: salziger, kälter und ohne Sauerstoff. Dort existieren nur Bakterien, die organisches Material abbauen und Schwefelwasserstoff bilden. Die Grenze zwischen den Schichten, die Chemokline, ist so abrupt, dass sie wie eine Trennlinie zwischen Lebendigem und Totem wirkt.
Warum sich die Schichten nicht mischen
Der entscheidende Faktor ist die Dichte. Das schwerere, salzigere Tiefenwasser bleibt unten, die frischere Oberfläche darüber. Die Geografie verfestigt diese Trennung. Der Austausch mit dem Ozean erfolgt über den seichten Bosporus, der nur etwa 27 Meter tief ist. Für ein so großes Becken lässt diese enge Verbindung keinen vollständigen Wasseraustausch zu. Ozeanografen gehen davon aus, dass Oberflächenwasser mehrere Jahrhunderte bräuchte, um den Meeresboden zu erreichen.
Bakterien bauen an einer gefährlichen Schicht
In der Tiefe können nur sulfatreduzierende Bakterien überleben. Sie gewinnen Energie aus Sulfaten und setzen Schwefelwasserstoff frei – das Gas mit dem stechenden Geruch nach faulen Eiern. Ihre Zahl ist enorm, bis zu einer Million Zellen pro Milliliter Wasser. Der Prozess läuft ununterbrochen, die Schwefelwasserstoffzone breitet sich weiter aus.
Warum Schwefelwasserstoff gefährlich ist
Schwefelwasserstoff ist hochgiftig und wirkt schnell. In hoher Konzentration kann er zu Atemlähmung führen. Schon geringe Dosen reizen, verursachen Kopfschmerzen und trüben den Geruchssinn – eine tückische Wirkung, die das Gas besonders gefährlich macht. Die Geschichte kennt tragische Freisetzungen solcher Gase, auch natürlichen Ursprungs.
Als das Meer Feuer fing
Das drastischste Beispiel datiert auf das Jahr 1927. Nach dem Krim-Erdbeben berichteten Menschen entlang der Küste von feurigen Säulen über dem Wasser. Forschende erklären das Schauspiel mit einem Ausbruch von Schwefelwasserstoff, der an die Oberfläche gelangte und mit Sauerstoff reagierte; vermutlich stieg zugleich Methan auf und verstärkte den Effekt. Das Ereignis blieb lokal, zeigte aber, wie fragil das Gleichgewicht des Meeres sein kann.
Die Schwefelwasserstoff-Grenze steigt
Untersuchungen der vergangenen Jahrzehnte zeichnen ein beunruhigendes Muster: Die tote Zone kriecht nach oben. Die obere, sauerstoffführende Schicht schrumpft, weil Flüsse Schadstoffe eintragen. Überschüssige Nährstoffe fördern Algenblüten. Sterben die Algen ab, sinkt mehr organisches Material in die Tiefe, nährt Bakterien und treibt die Schwefelwasserstoffbildung an. Auch Klimaverschiebungen spielen hinein, sie stabilisieren die Schichtung und schwächen die vertikale Durchmischung. Diese langsame Hebung der Grenze wirkt weniger wie eine Kuriosität und mehr wie eine Warnung.
Leben nur oben
Aufgrund dieser Struktur ist die Fauna des Meeres ärmer als in anderen Becken. Die Tiefe bleibt völlig unbewohnt. Zugleich konserviert die sauerstofffreie Zone Schiffswracks, die vor Jahrhunderten gesunken sind: Ohne Sauerstoff verfallen Holz und Metall deutlich langsamer.
Was dem Meer bevorsteht
Ozeanografen skizzieren mehrere Szenarien. Am wahrscheinlichsten gilt eine weitere Ausdünnung der sauerstoffreichen Schicht. Das würde die Fischerei und die Küstenwirtschaft treffen. Katastrophale Freisetzungen sind möglich, werden jedoch als sehr unwahrscheinlich eingeschätzt. Gleichwohl lassen sich lokale Störungen der Schichtung bei Erdbeben nicht ausschließen. Der Trend ließe sich dämpfen, wenn weniger Verschmutzung eingetragen, die Abwasserreinigung verbessert und natürliche Filter wie Feuchtgebiete und Limane gestärkt würden.
Ein Meer mit langem Gedächtnis und komplizierter Architektur: Das Schwarze Meer reagiert auf alles, was ringsum geschieht – und befindet sich derzeit in einer besonders empfindlichen Phase. Sein Zustand ist zentral für die ökologische Stabilität der Region. Wie sorgfältig Quellen der Verschmutzung begrenzt und natürliche Prozesse unterstützt werden, wird die Zukunft der Küstenökosysteme prägen. Die Frage ist nicht, ob das Meer reagiert, sondern ob wir es rechtzeitig wahrnehmen.