17:27 29-11-2025

Polar Owl: Russlands härtestes Gefängnis im hohen Norden

Reportage über die Sonderregime-Kolonie Polar Owl jenseits des Polarkreises: Zonen, Zellen, Alltag, berüchtigte Insassen, Fluchtgründe und seltene Entlassungen.

Auf der Karte verschwindet dieser Punkt fast in der Tundra. In Wirklichkeit gehört er zu den am strengsten abgeschotteten Orten des Landes. Die Sonderregime-Kolonie Polar Owl, verborgen jenseits des Polarkreises, ist die letzte Adresse für jene, von denen die Gesellschaft beschlossen hat, dass sie nie wieder in Freiheit leben werden.

Dorthin zu gelangen ist eine Prüfung, die nicht jeder übersteht: zwei Tage Zugfahrt, eine Überquerung des mächtigen Ob, dann 50 Kilometer über endlosen Permafrost – ohne Straßen, ohne Wegmarken. Erst dann taucht die Siedlung Kharp auf. Rund 150 Einwohner. Doppelt so viele Insassen. Schon die Anreise lässt erahnen, wie endgültig dieser Ort ist.

Drei Zonen – doch eine ohne Rückweg

Die Kolonie ist in drei Bereiche gegliedert: ein Sonderregime für lebenslänglich Verurteilte, ein strenges Regime für lange Haftstrafen und eine Siedlungskolonie mit vergleichsweise milderen Bedingungen. Das Hauptareal besteht aus vier Blöcken für Lebenslängliche. Mehrere Reihen Zäune, Hochspannung, Kameras an jeder Ecke, entlang des Zauns Wachposten mit automatischen Gewehren. Es gibt keinen Winkel, der nicht beobachtet würde.

Eine Zelle, in der der Raum ausgeht

Das Leben spielt sich auf vier Quadratmetern für zwei Menschen ab. Metallbett, Tisch, Waschbecken, Toilette – ein Schritt reicht, um alles zu erreichen. Das Fenster ist vergittert, das Herantreten verboten; aus der Distanz zeigt sich nur ein dünner Streifen Himmel. Lautes Sprechen ist untersagt, nur Flüstern trägt. Bemerkenswert ist, dass die meisten Gefangenen eine Hochschul- oder Berufsausbildung haben. Viele arbeiteten in normalen Berufen, bauten Karrieren auf. Ein Fehler – oder ein Verbrechen – hat das ausgelöscht. Hier schrumpft Biografie zu Routine.

Ein Tageslauf ohne Abweichung

Die Zeit ist so organisiert, dass weder Wahlmöglichkeiten noch Illusionen bleiben. 06:00 Wecken. 06:10 Frühsport. 06:30 Zählappell. 07:00 Frühstück. Der tägliche Spaziergang dauert etwa zwei Stunden, in einem Betonhof mit einem Gitter statt einer Decke. Arbeiten darf nur, wer zehn Jahre ohne einen einzigen Verstoß hinter sich hat. Die anderen lesen, schreiben Briefe, schweigen. Sie leben in ein und demselben Tag.

Wer in Polar Owl einsitzt

Hier sitzen Menschen, deren Namen das ganze Land kennt: Alexander Pichushkin, der „Bitsevsky-Maniac“; Nurpasha Kulaev, der einzige überlebende Teilnehmer des Anschlags von Beslan; Denis Evsyukov, ein ehemaliger Major, der in einem Supermarkt das Feuer eröffnete; Dmitry Butorin und Oleg Belkin, Anführer der organisierten Gruppe Orekhovskaya. Gemeinsam ist ihnen, dass ihre Strafen kein Ende haben.

Fluchten sind hier unmöglich – und nicht, weil man das Gebäude nicht verlassen kann

In der gesamten Geschichte der Kolonie gab es keinen einzigen Ausbruch. Selbst wenn jemand auf wundersame Weise an Wachen und Zäunen vorbeikäme, wartete eine andere Wirklichkeit: 50 Kilometer Tundra ohne Wege, Frost bis –50 bis –60 °C, der eisige Ob, eine Leere ohne Versteck und ohne Rast. Hier wird die Natur selbst zur Mauer – ein nüchterner Befund, der keine Romantik übrig lässt.

Vorzeitige Entlassung: eine Chance, die vor allem auf dem Papier existiert

Nach dem Gesetz können Gefangene nach 25 Jahren eine Überprüfung beantragen. Nur wenige erhalten überhaupt eine reale Aussicht auf Entlassung. Bekannt ist ein Fall: Anvar Masalimov. Seine Anklage wurde neu eingestuft. Zwei Jahre später saß er wieder ein – wegen eines neuen Delikts.

Warum es in diesem Gefängnis keine Gewalt gibt

Auffällig ist, dass in den vergangenen zehn Jahren keine einzige Schlägerei oder ein Angriff verzeichnet wurde. Die Gefangenen wissen, dass es hier nichts zu teilen gibt und kein Konflikt ihre Lage ändert. Aggression verliert an Sinn, wenn das Leben zur geschlossenen Schleife wird und Hoffnung nicht einmal theoretisch vorgesehen ist.

Ein Punkt, an dem die Zeit stehen bleibt

Polar Owl ist mehr als ein Gefängnis. Es ist ein Ort, an dem das Leben auf vier Wände zusammenschrumpft und die Zukunft abfällt. Draußen: Kälte und endlose Tundra. Drinnen: ein Vakuum, das nichts füllt. Wer hier ankommt, erreicht eine Endstation – so wirkt es, und der Weg führt von hier aus nirgendwo anders hin.